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Bewusstseinserweiterungen

Nadine lässt sich im Sessel gegenüber nieder. Ihre Kleidung zeigt feingestimmte Pastelltöne.
Ich dagegen trage mein gewohntes Schwarz: Hemd, T-Shirt, Jeans, Socken, Schuhe. Ja, selbst mein Slip passt dazu, auch er in diesem einheitlichem Schwarz, das physikalisch nicht wirklich eine Farbe ist, sondern die vollständige Abwesenheit von Licht. In den Jahren nach meinem Zusammenbruch, der eher ein langsamer, gründlicher Niedergang gewesen war, hatte sich das Schwarz in meiner Kleidung immer mehr vermehrt. Bis es die Grenzen seines Wachstums erreicht hatte - Schwarz von Kopf bis Fuß.
»Und, wie ist es Ihnen ergangen? «
Ich sammle meine unterschiedlichen Eindrücke, sortiere sie schnell in die Kategorien Körperlich und Mental, bringe alles noch schnell in die richtige, zeitliche Reihenfolge und bin bereit. Nicht dass dieser Vorgang lange gedauert oder einer besonderen Anstrengung bedurft hätte. Ich funktioniere einfach so. Schließlich bin ich Programmierer. Und das sind die Leute, die davon leben, dass sie geistig zum Aufräumen neigen, zum Klassifizieren und Ordnen, zur Festschreibung ihrer Umwelt halt. Was nicht unbedingt auf ihre Schreibtische zutrifft. Denn die meisten haben auch ein gutes Gedächtnis. Und das wiederum macht die Ordnung von Gegenständen überflüssig, man muss sich nur merken, wo man sein Zeug gelassen hat.
»Anfangs...«, beginne ich also meinen sortierten Stapel Erinnerungen von oben her abzubauen: »... fühlte ich mich großartig. Meine Symptome schienen sich auf breiter Front zurückzuziehen. In der Nacht nach der Sitzung schlief ich fast durch. Ich bin nur einmal aufgewacht. So gegen drei.«
Nadine unterbricht mich: »Gab es dafür einen besonderen Anlass? Einen Traum oder ein Gefühl?«
»Nee. Wenn mir die Uhrzeit auch geläufig ist. Ich habe mal geschrieben, dass drei Uhr nachts die Zeit ist, zu der wir uns fröstelnd an die kommende Grabeskälte erinnern. Manche von uns bekommen allerdings die fliegende Hitze, das sind die, die bereits ihre Einäscherung testamentarisch festgeschrieben haben. Nee, mir fiel nichts auf, ich habe die Gelegenheit genutzt und die Toilette besucht. «
»Glauben Sie...«, fragte Nadine vorsichtig und sanft zur ernsthaften Überlegung auffordernd: »...glauben Sie daran, dass Sie eine Seele haben? «
Diese Art von Fragen hatte mir niemand mehr seit meinem Konfirmationsunterricht gestellt. Und in diesem Unterricht meines Wissens auch nicht. Niemand hatte mir je diese Frage gestellt. Ich wurde von den späten Sechzigern und frühen Siebzigern geprägt. Wir stritten uns damals über solche Fragen wie: Wird der Mensch vorwiegend von seiner Umgebung oder seinen Genen bestimmt? Wir fuhren damals die materialistische Schiene rauf und bis zu anderen Endstation wieder runter. Gott ist tot, hatte schon Nietzsche festgelegt. Und hatte sich seitdem was Besonderes geändert? Anderseits wurden alle meine Kinder getauft und konfirmiert. Ich hatte mich mit zunehmendem Alter immer weniger festgelegt und schloss Gott nicht aus, aber bejahte ihn auch nicht. Lau im Glauben halt, wie es schon in der Bibel steht. Und nur wenn Gott existierte, machte auch eine Seele einen Sinn. »Ich schließe die Existenz einer Seele nicht aus. «
»Könnten Sie sich dann vorstellen, dass ihre Seele in der Nacht sich vom Körper löst und unterwegs ist? «
»Warum nicht.« Ich messe mit meinen beiden Händen eine gehörige Entfernung zwischen Ihnen ab. »Ich bin jetzt schon mal so weit gegangen, warum nicht einfach noch weiter. Außerdem hatte ich Träume, in denen ich selbst unterwegs war. Schwebend. Wirklich schwebend. Nicht als Karikatur eines Vogels wild mit den Armen wedelnd, sondern ruhig und aufrecht schwebend. Fühlte sich ziemlich gut an. Wenn auch die Freudianer sicherlich unerfüllte, sexuelle Wünsche dahinter vermuten würden. «
»Gut.« Nadine lächelt mich an. »Und dass Sie in der Nacht aufwachen, kann bedeuten, dass Sie ein Problem mit ihrer Seele haben. «
Ich grinse sie schief an: »Grade noch keine Seele. Und jetzt schon ein Problem mit ihr. Wir sind nicht unbedingt das, was man gemeinhin langsam nennt. «
»Nein, das sind wir wirklich nicht. Aber ich hatte Sie unterbrochen...«
Ich schlage das rechte Bein über das linke. Wozu ich mich von Nadine etwas wegdrehen muss. Wenn ich jetzt geradeaus blicke, sehe ich an ihr vorbei und direkt auf einen Kunstdruck. Das Blatt zeigt zwei füllige Putten, die versonnen auf mich herablächeln. »Wie passend«, denke ich: »Die Engel weiden sich an der Verwirrung der Naturwissenschaft. « Und laut sage ich: »In den Tagen darauf wurde das gute Gefühl immer schwächer. Die Schmerzen nahmen wieder zu. Und heute stehe ich wieder da, wo ich vor einer Woche war. « Bevor Nadine zu ihrem angesetzten Einwand kommt, fahre ich schnell fort: »Allerdings habe ich das Gefühl, dass ich hier richtig bin. Und deshalb bin ich auch wieder da. « Nach einer kurzen Pause setze ich hinzu: »Und dann ist da noch die Neugier, die mich treibt. Ich will wissen, was sich noch so in meiner schwarzen Seele abspielt. «

 

 

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